AUF EINE TASSE KAFFEE MIT PHILIPP HERMANN

Mit dunklen Locken und einem breiten Grinsen begrüßt Philipp seinen Gegenüber. Aber was macht eigentlich ein Pianist und Komponist den ganzen Tag? Elf Fragen an den gebürtigen Dresdner rund um das Leben als Musiker.

Philipp, warum bist du Pianist geworden?
Ich möchte gern viele Menschen mit Klaviermusik erreichen und ihre Fantasie anregen. Mit meinen Musikstücken entstehen Bilder im Kopf, wie ein Soundtrack zum Film. Und ich finde, Klaviermusik ist für viele zugänglich, ob Klavierschüler, meine Oma oder du und ich. Da braucht es kein Kennerohr, sondern einfach ein bisschen Muse zum Zuhören.

Du möchtest also andere inspirieren. Aber was inspiriert dich?
Das ist ganz unterschiedlich. Manchmal ist es eine Stimmung und dann habe ich schon eine Melodie im Kopf. Einmal war ich in Südtirol wandern. Als wir auf dem Gipfel standen, hat mich das Panorama mit diesen massiven Berge umgehauen! Gleichzeitig war es wunderbar ruhig und man hat nur die Kuhglocken gehört… Daraus ist eines meiner Lieblingsstücke entstanden: „sciliar“ wie der Berg, auf den wir gestiegen sind. Aber genauso gut passiert es, dass ich nach einem Besuch im Konzert einer Eingebung folge und die zuhause immer wieder spiele, ergänze und variiere. Es sind einfach Stimmungen, Erlebnisse, Personen.

Du sprichst von deinen Stücken, wie muss man sich das denn mit dem Komponieren vorstellen?
Von Mozart behauptet man ja, dass er seine Stücke komplett im Kopf durchkomponiert hat – das kann ich leider nicht (lacht). Ich brauch da schon den Kontakt zum Instrument. Wie gesagt, manche Ideen kommen mir in besonderen Momenten. Wenn die mir immer wieder in den Sinn kommen, ist das schon mal ein gutes Zeichen. Manchmal setze ich mir aber auch kleine Herausforderungen, diesen Rhythmus oder jene Tonart im Stück zu nutzen.
Da, wo ich es brauche, schreib oder nehme ich die Stücke dann auf. Sobald ich einige Takte zusammen habe, heißt es dann: Was kommt rein, was fliegt raus? Deswegen ist Komponieren auch ein gutes Training, um Entscheidungen zu treffen. Schließlich transkribiere ich das Stück in Noten, vor allem wegen „Archivierungszwecken“ oder damit andere es auch spielen können. Damit hört Komponieren aber nicht auf.

Heißt das, ein Stück wird nie fertig?
Ich habe ja viel Jazz gespielt, da spielt Improvisation eine große Rolle. Wenn bei einem Stück an einer anderen Stelle etwas anderes erklingt, ist das nicht schlimm. Für mich ist es nicht so wichtig, ob ich den Ton immer in diesem Takt genau spiele, solange der Charakter stimmt. Die Melodien verändern sich mit der Zeit, weil ich noch neue Ideen einbaue. Nix ist in Stein gemeißelt.

Jetzt hast du schon Jazz erwähnt, wie würdest du deinen Stil beschreiben?
Puh, es ist wirklich schwierig, sich da festzulegen. Am liebsten umschreibe ich meine Stücke als Filmmusik für Filme, die es noch nicht gibt. Es sind auskomponierte Geschichten für das Klavier, vielleicht etwas minimalistisch. Ich möchte vor allem ehrliche Musik ohne viel Schnickschnack machen, weniger ist da mehr. Dabei erinnert meine Musik etwa an Stücke aus „Amélie“ oder „Ziemlich beste Freunde“, also Filmsoundtracks von Yann Tiersen, Ludovico Einaudi oder Chilly Gonzales.

Das sind ja alles Profis! Wie bist du zum Berufspianisten geworden?
Hast du Zeit? (lacht). Ich habe lange gebraucht, um mich für die Musik als Lebensunterhalt zu entscheiden. Das war eher so eine Odyssee. Ich hatte lange Schiss vor der Unsicherheit als Freiberufler. Musik Studieren wollte ich schon nach meinem Austauschjahr in Kanada, wo viele Freunde ganz selbstverständlich Musiker werden wollten. Zurück in Deutschland war das eher anders: Meine Familie war nicht begeistert, sogar mein Onkel, der professioneller Jazzposaunist ist, riet mir davon ab. Als ich – wieder in Kanada – mit dem Studium in Kulturmanagement begann, haben mir meine Freunde aber gezeigt, dass ein Leben als Musiker auch funktionieren kann. Es hat zwar lang gedauert, aber jetzt nehm ich das in Angriff.

Dabei kommst du aus einer musikalischen Familie, wie es klingt?
Ja genau, mein Opa war Kantor; meine zwei jüngeren Brüder und ich haben bei ihm im Chor gesungen, er hat uns Blockflöte beigebracht. Dann spielt mein Onkel Posaune. Als ich dann in der 5. Klasse einen Mitschüler Klavierspielen gesehen habe, war ich begeistert. Der hat auch so Boogie-Woogie gespielt, das war echt cool. Da habe ich dann meine Eltern bekniet, Klavierspielen zu lernen. Ich bin ziemlich schnell vorangekommen, obwohl ich erst mit zehn Jahren angefangen habe. Aber ich wollte das auch, was bei Drei- oder Vierjährigen nicht immer der Fall ist.

Zur Rettung deiner Eltern kann man schon sagen: Pianist, Komponist – das sind keine typischen Berufsbilder. Wie sieht denn so dein Arbeitsalltag aus?
Naja im Idealfall stehe ich auf, esse Frühstück und meditiere, um den Kopf frei zu bekommen. Dann mach ich ein bisschen Frühsport und übe zwei bis drei Stunden. Nachmittags unterrichte ich Klavier, häufig steht auch einfach Schreibtischarbeit an. Denn Orga und die Pflege von Social Media nehmen häufig mehr Zeit ein, als ich will. Abends komm ich dann zur Ruhe, dann ist die Atmosphäre zum Komponieren sehr schön. Oft versinke ich im Improvisieren, kann mich Gehen lassen; dann entstehen erste Teile von Stücken.

Und wenn es nicht ideal läuft?
Naja, wenn ich früh nicht geübt habe, ist der Tag gelaufen. Weil ich weiß, wie wichtig Üben ist und das hängt mir dann den ganzen Tag im Nacken.

Ein Instrument üben ist für viele Amateure ein Alptraum. Wovor hast du Angst?
Angst vielleicht nicht, aber meine größte Sorge ist es, die Lust am Klavier spielen zu verlieren. Ich kenne einige, die mit dem Musizieren Geld verdient haben und dann irgendwann „abgemuckt“ sind, also eigentlich frustriert am Flügel sitzen – und trotzdem wegen des Einkommens spielen müssen. Das möchte ich nicht erleben, diese Art von Burn-out. Für mich wäre das schlimmer als ein gebrochener Arm, da würde ich zwar weinen (lacht) – aber der heilt ja wieder.

Blicken wir zum Schluss positiv in die Zukunft: Was möchtest du mal als Pianist und Komponist erreicht haben?
Am liebsten möchte ich einmal ein Stück komponieren, das so erfolgreich ist wie „Für Elise“ oder das Amélie-Lied – und das dann die Klavierlehrer verfluchen, weil jeder Schüler es lernen will (lacht leise). Nein, aber im Ernst, ich möchte gern mit dem Soloprojekt erfolgreich sein und kann mir auch vorstellen, auf Tournée zu gehen. Vielleicht spiel’ ich sogar mal mit einem Orchester meine Stücke. Tatsächlich Filmmusik zu schreiben, wäre auch schick. Aber am besten fühlt es sich immer noch an, wenn andere in meiner Musik die Stimmung nachempfinden können: etwa das Gefühl auf dem Berggipfel zu stehen, wie in sciliar, und mit „Genauso hören sich die Berge an!“ reagieren.

Auf den Geschmack gekommen? Philipps Album „words“ ist am 22. Februar 2019 auf iTunes, Amazon, Spotify u.v.m. oder ganz klassisch als CD erschienen.

Interview: Sarah Buch

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