Erfurt: Warum ich Dich liebe und trotzdem verlasse

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Ich bin ziemlich nervös. So wie früher immer an dem Abend, bevor das neue Schuljahr losging, nur noch ein bisschen mehr. Seit ein paar Wochen erzähle ich immer mehr Menschen davon, dass Mareike und ich Erfurt verlassen werden.

Als ich vor fünf Jahren nach Erfurt kam, habe ich erst einmal mit der Stadt gehadert. Nach fünf Jahren Québec kamen da einige Kulturschocks zusammen. Von der Stadt, die eben mal so zum 400-jährigen Bestehen Paul McCartney einkauft, damit er ein kostenloses Konzert gibt, in die Stadt wo (so wurde mir berichtet), das Ordnungsamt mit dem Maßband überprüft, ob die Pflanzen der Händler auch keinen Zentimeter zu weit auf den Fußweg hängen. Von einer Stadt mit 500.000 Einwohnern in eine mit 200.000. Von Kanada zurück nach Deutschland, von französisch zu deutsch und von der riesigen Provinz Québec ins kleine Thüringen. Wahrscheinlich hat das alles eine Rolle gespielt, als ich hier ankam und mich mit dieser Stadt nicht so recht anfreunden wollte.

Zum Glück konnte ich vier Tage nach meiner Rückkehr in einer privaten Erfurter Musikschule anfangen und dort den Grundstein für ein großes Netz an Freunden, Bekannten und Kollegen legen.

Um mehr (Jazz-)Musiker kennenzulernen fragte ich im Café Nerly nach, ob ich dort monatlich eine Jazz-Jam-Session veranstalten könnte. Mit diesem Event drehte sich der Wind langsam aber sicher und ich merkte, dass Erfurt mir doch mehr zu bieten hatte, als ich ursprünglich dachte. Hier war noch Platz für eigene Ideen und Initiativen, da wo in anderen Städten vielleicht schon alles abgegrast ist. Nach vier Jahren vor (fast) immer rammelvollem Saal habe ich vor einem Monat nun meine letzte Erfurter Session organisiert. Und mein Plan, darüber Musikerkollegen kennenzulernen, ging voll auf.

"Mein" wunderbares Quintett - hier in Action zu meinem Releasekonzert

 

Ich konnte und kann auch weiterhin mit wunderbaren Erfurter Kollegen und Formaten auf der Bühne stehen, allen voran natürlich meinem Quintett, das sich für meine kompositorischen Gehversuche zur Verfügung gestellt hat und mit denen ich viele wunderschöne (und ein paar sehr skurrile) Bühnenmomente hatte. Die großartigen Par-ci par-là, von denen ich immer wieder lerne wie es klingt, wenn man perfekt aufeinander eingespielt ist und höchstes musikalisches Niveau mit Humor und Selbstironie verbindet. Die Nerly Bigband, der Kammerchor der Uni, der Erfurter Science Slam, die Jazzy Sundays, die vielen Slammer deren Texte ich live vertonen durfte und alle anderen, mit denen ich über die Jahre hier musikalisch in Kontakt gekommen bin. Und nicht zuletzt habe ich hier mein erstes Album erarbeitet und veröffentlicht – und damit auch gleichzeitig den Grundstein für den nächsten großen Abschnitt gelegt.

Nach einem Jahr in der Musikschule, wo ich zwischenzeitlich um die vierzig Schüler hatte, wurde mir klar, dass ich Raum für Musik außerhalb des Unterrichts brauche. Deswegen suchte ich mir einen eigenen Unterrichtsraum, den ich dann auf der Langen Brücke (im Schaufenster) fand. Neben dem Unterricht konnte ich hier in Ruhe üben, mit Freunden proben und jede Menge Musik schreiben.

Der Flügel im Schaufenster hat immer wieder Schüler angelockt und mir geholfen, mich in Erfurt zu etablieren.

Ein Jahr später erhielt ich einen Lehrauftrag für “Berufspraktisches Klavierspiel” an der Uni Erfurt, den ich auch nach unserem Umzug noch weiter ausfüllen werde. So kann ich weiterhin ein bisschen am Erfurter Leben teilhaben, denn ich liebe die Stadt nach wie vor sehr. Immer begegnet man Freunden unterwegs, prinzipiell lege ich hier jede Strecke zu Fuß zurück und genieße den Luxus einer Altstadt, für die jedes Wochenende haufenweise Touristen von weit her anreisen.

Lange Zeit habe ich damit gehadert, mich selbst als Musiker zu sehen, fand mich nicht gut genug und erfand jede Menge Ausreden, um einen vermeintlich sichereren Weg zu gehen. Irgendwann hat mich die Musik dann aber doch eingeholt. Und im Sommer vor vier Jahren, als ich mein Klavierstudio in Betrieb nahm, wurde mir endlich klar, dass ich nichts anderes tun will, als mit ganzem Herzen Musiker zu sein. Vorher war ich jemand, der Musik macht. Erfurt ist der Ort, an dem ich Musiker geworden bin.

Allerdings habe ich einfach lange versucht, genau die Art von Musiker zu sein, die es überall um mich herum gab. Berufsmusiker, die vor allem vom Unterricht leben. Dazu ein paar Auftritte auf Hochzeiten und anderen Feierlichkeiten und hin und wieder ein Konzert. Genau das habe ich in den letzten Jahren gemacht und ich habe es geliebt.

Jetzt ist die Zeit gekommen, meine eigene Vorstellung davon umzusetzen, wie ich mit und von meiner Musik leben möchte. Dass Mareike im Herbst ihren Master außerhalb von Erfurt beginnen wird ist also nur der Auslöser, das jetzt endlich anzugehen. Im Februar bin ich 30 Jahre alt geworden und bin mir ziemlich sicher: Wenn ich jetzt nicht versuche, meine Musik auf den Weg zu bringen werde ich es vielleicht niemals tun.

Und wie so oft in solchen Situationen, wenn ein schönes Kapitel zu Ende geht und ein neues beginnt, bin ich voller zwiespältiger Gefühle. Traurig, vor allem wegen der vielen lieben Menschen und guten Freunde, die ich hier zurücklasse. Ein bisschen nervös, ob alles so aufgeht, wie ich es mir vorstelle. Aber zu guter Letzt habe ich einfach nur große Lust darauf, mich in dieses neue Abenteuer zu stürzen und mich meiner Musik und ihrem Publikum (also Euch!) zu widmen. Danke, dass Ihr mir Eure Zeit schenkt und mich unterstützt! Ihr hört von mir! 🙂

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