„Oh guck mal, der Mann verkauft Klaviere!“ – oder was man so in einem Klavierstudio erlebt

Diese Woche endet eine (kleine, aber feine) Ära: Ich gebe mein Klavierstudio auf der Langen Brücke in Erfurt ab.

Die Geschichte beginnt vor ziemlich genau vier Jahren, als ich aus der Musikschule ausgestiegen war und einen Raum zum Unterrichten brauchte. Schon auf der Wohnungssuche in Münster hat uns mein Beruf (und v.a. die damit entstehenden Geräusche, auch bekannt als „Musik“) eher in Schwierigkeiten gebracht.

Die Suche

Noch schwieriger war es aber, als ich in Erfurt einen Raum suchte, den ich ausschließlich zum Unterrichten und Üben nutzen wollte. Nach langer Suche und erst nach Einschalten eines Maklers hatte ich einen Raum gefunden. Dieser lag am Fischmarkt in Erfurt im dritten Stock eines schönen alten Gebäudes. Der Mietvertrag war unterschrieben, die Flügel-Spedition hatte das Treppenhaus besichtigt, um den Transport zu organisieren und ich war guter Dinge dort nach ein paar Tagen Urlaub in Portugal mit dem Unterricht beginnen zu können.
Doch alles kam ganz anders.

Vier Tage vor dem Urlaub rief mich der Makler an und teilte mir mit, dass der Vermieter nun doch nicht mehr an mich vermieten wollte. Anscheinend hatten andere Mieter im Haus mit Kündigung gedroht für den Fall, dass ich dort mit Unterricht beginnen würde (vorher hieß es, ich könnte dort so viel und so lange spielen wie ich wollte). Die Zeit drängte und ich brauchte einen Ersatz. Also zauberte der Makler noch eine kleine Ladenfläche auf der Langen Brücke aus dem Ärmel. Der dortige Vermieter war ebenfalls Musiker und einmal in einer ähnlichen Situation auf Raumsuche gewesen, also konnte ich dort einziehen. Einziger Haken: Statt einer gemütlichen Gewerbefläche im dritten Stock hatte dieser Raum (wie bei Läden nunmal so üblich) statt einer Wand auf der Straßenseite ein riesiges Schaufenster.

Der Flügel im Klavierstudio, hinter dem Schaufenster stehen Autos
Meine "alte Lady" in ihrer ganzen Pracht. Rechts im Bild: Das sagenumwobene Schaufenster 🙂

PR im Ganz grossen stil

Der Flügel kam, das Schuljahr begann, die ersten Schüler bekamen Probestunden und dann Unterricht. Und immer noch fühlte ich mich etwas ungeschützt hinter dem riesigen Fenster und suchte nach Möglichkeiten, etwas anzubringen, um mir und meinen Schülern etwas Sichtschutz zu geben. Die Zeit verging und nach und nach wurde mir klar, dass „der Flügel im Schaufenster“ eben doch genau das war, was mir die Aufmerksamkeit der Leute und meine Schüler einbrachte. Also entschied ich mich nach einer Weile des Herumsuchens dafür, die Scheibe einfach so zu lassen wie sie war. Wer bei mir in den Unterricht kommen wollte, wusste dann auch, dass dieser hinter der Scheibe und quasi auf dem Präsentierteller stattfand.

Als ein paar Monate nach der Eröffnung ein Straßenfest stattfand, veranstaltete ich ein Quiz mit dem man einen Monat kostenlosen Unterricht gewinnen konnte. Nach einer Weile kam ein Mann herein und erklärte mir ausführlich und vor allem völlig ungefragt, was ich alles anders machen müsste, damit der Laden auch funktioniert. Auf meine Frage, was er denn beruflich mache antwortete er gewollt geheimnisvoll „PR im großen Stil“, ohne mir aber sonst irgendetwas über sich preiszugeben. Nachdem ich damals wahnsinnig verunsichert war, bin ich heute froh darüber, dass er sich komplett verschätzt hat. Trotz dessen, dass ich nichts von seinen „Anregungen“ umgesetzt habe, wurde der Laden ein voller Erfolg.

Beobachtungen vom klavier im schaufenster

Und auch andere interessante Begegnungen konnte ich hier machen. Am häufigsten musste ich wohl die Fragen beantworten, ob ich Klaviere stimme oder ankaufe. Erst kürzlich wunderte sich ein Herr (seines Zeichens selbst Klavierhändler), dass ich nur einen Flügel im Laden stehen habe und ob der Ausstellungsraum woanders sei. Interessant war auch der Herr, der mitten im Unterricht den Laden betrat und fragte „Stör ich?“. Einen schönen Moment gab es auch, als die Dame, die augenscheinlich gerade vom Einkaufen kam, draußen vor dem Fenster ihre Beutel auf den Boden stellte und tanzte während ich mit einem Freund gemeinsam drinnen spielte. Aber am meisten haben sich viele Kinder gefreut, die vor Freude ihre Nasen an der Scheibe plattgedrückt und dann samt Händen einmal über die Scheibe gewischt haben. Besonders in der Anfangszeit fiel mir auf, wie aufmerksam Kinder diese doch relativ ungewöhnliche Kombination aus Flügel und Ladenfläche aufgenommen haben während viele Erwachsene unbeeindruckt vorbeigingen.

Ich muss sagen, dass es mich immer amüsiert hat, wenn ich selbst gespielt und draußen Leute gesehen hab, die sich gewundert haben woher das Klavierspiel kommt. Ein ganz besonderes Highlight waren auch die Herrschaften, die die Spiegelung im Fenster genutzt haben, um ihre Frisur zu überprüfen oder zu schauen, ob da noch etwas zwischen den Zähnen hängt. Blöd nur, dass ich auf der anderen Seite saß!

Neben dem Erfurter Weihnachtsmarkt, der jeden Abend wahnsinnig viele Leute am Studio vorbei auf den Domplatz (und betrunken wieder zurück) gespült hat, werden mir sicher auch die Bauarbeiten in Erinnerung bleiben, die direkt vor dem Fenster mit Presslufthammer und Bagger getätigt wurden, sodass man teilweise fast vom Klavierspielen nichts mehr gehört 

Aber die schönen Erinnerungen überwiegen eindeutig: Es war schön, auf diese Weise Teil des Erfurter Stadtbilds zu sein. Hier konnte ich meinen eigenen Flügel einweihen und hätte vermutlich Mareike nicht kennen gelernt, hätte sie mich hier nicht unterrichten sehen und selbst Unterricht bei mir genommen. Und wenn es dann draußen geregnet hat, Leute mit Regenschirm vorbeigeeilt sind und ich drinnen am Flügel sitzen und spielen konnte war die Welt perfekt 🙂

Philipp Hermann schaut aus dem Fenster
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