Mein liebstes Bühnen-Format (und warum Ihr es auch lieben werdet)

Was sind Eure Lieblingsveranstaltungen? Das Wohnzimmerkonzert mit der Singer-Songwriterin? Die riesige Party mit dem krassen DJ? Der Salsa-Abend, bei dem die Funken sprühen?

Natürlich rangieren Live-Konzerte bei mir ganz oben, aber seit kurzem müssen sich die Konzerte den Platz teilen:

Ich liebe Jazz-Slams. Und wenn Ihr mal die Gelegenheit habt, einen zu erleben, geht hin!

Die Scheinwerfer gehen an, das Mikro fiept (das Standard-Geräusch aus so ziemlich jedem Film kurz bevor jemand etwas hineinspricht), Schweißperlen auf der Stirn der Wettkämpfer, die Juroren sind bereit über Sieg und Niederlage zu entscheiden, nur die Band sitzt da und ist tiefen-entspannt.

So oder so ähnlich beginnen die Jazzslams, die ich in den letzten Jahren einige Male spielen durfte. Dieser geniale Mix aus Poetry Slam und Musik (oder eben Jazz) ist tatsächlich eines meiner liebsten Bühnenformate geworden. Dabei müssen wir, die Musiker, improvisieren und die Texte der Poeten (möglichst passend und stimmungsvoll) untermalen.

„Macht mal traurige Zirkusmusik“

In der Regel kennen wir die Texte vorher nicht und es gibt keine Absprachen. Lediglich direkt vorher dürfen die Slammer uns eine Richtung vorgeben. Das können Klassiker sein wie „Macht mal was melancholisches.“ oder auch obskure Ansagen sein wie „Also ich bräuchte so tropisches Sommerflair, aber mit einer russischen Note. Dann geb ich Euch ein Zeichen und brauche Horrorstimmung, die dann am Ende in sowas märchenhaftes übergeht. Klar?“

Dabei fallen die Texte sehr unterschiedlich aus und stellen uns immer wieder vor neue Herausforderungen. Vom Prinzenpaar in England, über Gruselgeschichten, einem deprimierten und arbeitsmüden Clown („Macht mal traurige Zirkusmusik“) bis hin zu Goethe selbst und natürlich den obligatorischen glücklichen und unglücklichen Liebestexten konnten wir schon allerhand vertonen.

Für mich fühlt es sich immer ein bisschen so an wie live Filmmusik zu machen. Bloß, dass die Filme nur in den Köpfen des Publikums ablaufen. Ich finde es immer wieder faszinierend wie nur ein Ton oder ein Akkord den Text sofort einfärbt und ihm eine neue Dimension gibt. Und wenn alles zusammenkommt, die Stimmung der Musik, der Text, der Vortrag, dann gibt es oft absolute Gänsehaut-Momente.

Eine Poetin, die mit ihren Texten und unserer Musik immer wieder genau das erreicht hat ist Jule Weber. Sie hat auf meinem Album „words“ ihren Text „Was tun wir hier eigentlich“ eingesprochen, den ich dann auf ganz ähnliche Art und Weise vertont habe. Dazu wird es demnächst nochmal einen separaten Artikel geben, deswegen jetzt hier stattdessen „Fehler im System“, den wir zu meinem Releasekonzert gemeinsam ganz spontan und ohne Absprachen auf die Bühne gebracht haben:

Nicht ganz so leicht finde ich lustige Texte (hier kann die Musik auch schonmal den Witz entschärfen, wenn sie zu plakativ wird) oder Texte, die wir schon einmal gemacht haben. Hier bin ich zu oft gefangen in den Ideen, die ich beim ersten Mal hatte. Dann kommt es oft zum lauwarmen Wiederaufbrühen anstatt zu ganz frischen neuen Ideen. Außerdem schwierig: Inhaltlich heftige Themen. Vor einiger Zeit hatten wir einen Text zur Bombennacht von Dresden, die meine Großeltern auch miterlebt haben. Musik kann solchen Schrecken oft gar nicht gerecht werden. Dann hilft nur noch das Ausweichen auf Geräusche, Dissonanzen oder eben Stille. Und auch daraus ist dann ein unglaublich intensiver Moment geworden.

Ich liebe an den Jazzslams die Freiheit vor dem Auftritt. Man kann sich nicht groß drauf vorbereiten und eigentlich auch nicht viel falsch machen. Und wenn man hier und da ein paar Tricks aus dem (viel herumgegebenen Musiker-)Hut zaubern kann, hat man Publikum und Poeten auf seiner Seite und einen extrem tollen Abend.

Und wenn Ihr die Gelegenheit habt Euch mal einen anzusehen solltet Ihr das auf jeden Fall tun! 🙂

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