Mein Nachbar, der Musiker

Früher haben meine Brüder und ich mit meiner Omi oft alte Heinz-Rühmann-Filme geschaut. Einer meiner liebsten war „Ein Mann geht durch die Wand“, in dem (Überraschung!) genau das passiert: Ein Mann, der Steuerbeamte Buchsbaum, stellt fest, dass er durch Wände gehen kann.

In diesem Film gibt es eine Szene, wo sich der Protagonist beim Hausmeister über die Nachbarin beschwert, die Klavierlehrerin ist (natürlich bevor er sie dann kennen lernt, sich unsterblich in sie verliebt und beide den Film mit Happy End beschließen, sorry für den Spoiler! 😉 ) Der tiefenentspannte Hausmeister erwidert ihm: „Man kann niemanden aus der Wohnung werfen, nur weil er Klavier spielt. Klavier spielen ist nicht polizeilich verboten. Erst ab 10 Uhr abends“. Nachdem dann die Nachbarin zu spielen beginnt, fügt er noch hinzu „Hört sich gar nicht so schlecht an, wie Sie vorhin sagten. Mir würde es direkt Freude machen.“

Der Film ist zwar von 1959, aber trotzdem hat sich an dieser Situation wohl kaum etwas geändert. Zumindest habe ich das Gefühl, dass es weitaus mehr Herr Buchsbaums gibt als wohlwollende Hausmeister.

Heinz Rühmann in "Ein Mann geht durch die Wand"
Herr Buchsbaum (Heinz Rühmann) und der Hausmeister

Die lieben Nachbarn

Eigentlich bin ich in dieser Hinsicht etwas verwöhnt. Die alte Nachbarin meiner Eltern hat sich immer darüber gefreut, wenn ich geübt habe (manchmal wahrscheinlich sogar mehr als meine Eltern und Brüder, die noch näher dran waren 🙂 ) und das Klavierspielen regelrecht eingefordert.

Oft habe ich aber das Gefühl, wenn ich mit Kollegen spreche, dass viele Leute zwar gern zum Konzert gehen, aber verdrängen, dass so ein Abend gut vorbereitet werden muss. Im Zweifel eben in der eigenen Wohnung. Das ist so, wie wenn ich grünen Strom will, aber die Windräder doch bitte woanders gebaut werden sollen. Oder ich mich über den Zustand der Straße aufrege und genauso über die Bauarbeiten, die daran etwas ändern. Menschen sind schon lustige Wesen.

Die lieben Vermieter

Aber als Musiker muss man überhaupt erstmal in die Situation kommen, Nachbarn zu haben. Denn meistens ist man in diesem Job a) selbstständig und b) naja, eben Musiker. Keine Kombination, bei der die Vermieter Schlange stehen, um einen mit Handkuss als Mieter zu nehmen.

Was die Selbstständigkeit betrifft, musste bei meinen letzten Mietverträgen, trotz guten und stabilen Einkommens, mein Vater für mich bürgen. (Nur am Rande, ich bin jetzt 30!) Und was die Musik betrifft, kriegen viele Vermieter kalte Füße, weil sie Angst vor eventuellen Beschwerden der Nachbarn haben. Denn wenn der Mietvertrag einmal unterschrieben ist, kriegt vor Gericht dann auch oft der Musiker Recht. Schließlich zählt das Musik machen (wie Aquaristik, Power-Yoga oder Big-Brother-Schauen) zu dem, womit manche Menschen eben gern ihre Freizeit oder sogar ihr Berufsleben verbringen.

So war es eine große Herausforderung vor vier Jahren in Erfurt einen Unterrichtsraum zu finden. Von den vielen Räumen, die ich mir angeschaut hatte, tönte nur ein Vermieter „Ja, kein Problem, bei mir können Sie so lange spielen wie sie wollen“. Nur um dann (eigentlich schon NACH Unterzeichnung des Mietvertrags) einen Rückzieher zu machen, weil eine Nachbarin mit ihrem Auszug gedroht hatte, wenn ich dort unterrichten sollte. (Die ganze Geschichte gibts hier)
Julius Dürrfeld filmt Philipp Hermann beim Klavierspielen
Nach langer Suche endlich fündig geworden: Mein Klavierstudio in Erfurt
Und auch in Münster war die Wohnungssuche alles andere als einfach (was ja zur Zeit leider ein deutschlandweiter Trend ist). Hier hatten wir das große Glück, eine Vermieterin zu finden, deren Sohn selbst Klavierlehrer ist und die dadurch etwas mehr Verständnis für uns hatte. Und nachdem sie auch kurz unsicher war, können wir nun morgen dort einziehen!

Liebe Münsteraner Nachbarn: Ich tue Euch nix, ich will doch nur spielen 🙂 Gern stelle ich mich auf die Zeiten ein, wo es Euch am Wenigsten stört. Nur verzichten aufs Üben kann ich leider nicht. Klingelt, klopft, ruft an, wenn Ihr Euch gestört fühlt und dann finden wir gemeinsam eine Lösung!

Wie kommt der Flügel in die Wohnung?

Und zu guter Letzt stellt sich natürlich die Frage aller Fragen (und die kriege ich wirklich oft gestellt): Wie kommt dann der Flügel da rein? Die Antwort: Hochkant und ohne Beine. Und es gibt Leute die machen das allein.
Ein Freund erzählte mir neulich, dass er mit fünf anderen Leuten den Flügel seiner Mutter auf die obere Etage ihrer Maisonette-Wohnung gehoben hätte. Die Technik: Der Flügel wird angehoben, eine Euro-Palette druntergeschoben, der Flügel wird abgesetzt. Und das dann so lange bis er auf der Höhe der oberen Ebene war.
Solche Aktionen beeindrucken mich, aber irgendwie hab ich dann doch Angst, dass sich jemand verletzt oder das Instrument dabei draufgeht. Deswegen mache ich den Transport nicht allein, sondern mit einer Spedition.

Der Einzug kommt zwar erst noch, aber dafür gibt es hier für Dich ein paar Eindrücke vom Auszug. Denk es Dir dann einfach andersherum 😉

Und wenn dann der Flügel, das Schlagzeug oder der Dudelsack in der neuen Wohnung angekommen sind, ist es an Musikern und Nachbarn, sich gegenseitig zu respektieren. Wenn man sich gut abspricht, diese Absprachen auf beiden Seiten auch einhält und aufeinander Rücksicht nimmt, wird der Musiker im Haus vielleicht eher zur kulturellen Bereicherung als zum Störfaktor 😉

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