„Mensch ist kein Schimpfwort“ – Stories zu meinem Musikvideo humans (part 1)

Eigentlich kommt dieser Artikel ein halbes Jahr zu spät. Schon lange hab ich mir vorgenommen, Dich mal mit hinter die Kulissen meines Videoclips „humans“ zu nehmen. Das ist mit Abstand mein bisher erfolgreichstes Video, bei Facebook haben wir damit bereits über 22.600 Aufrufe.
Um nochmal in die Stimmung zu kommen, hier jetzt also schonmal vorab das Video, das (wieder einmal) der großartige Julius Dürrfeld in liebevoller Handarbeit gezimmert hat:

Fast ein Weihnachtsfilm?

Ursprünglich sollte es ein Weihnachtsvideo werden. Mein Stück humans hatte ich vor genau einem Jahr für mein erstes Album aufgenommen. Zu dieser Komposition hat mich der Gedanke inspiriert, dass dieses Wort, „Menschen“, zum Inklusivsten gehört, das unsere Sprache zu bieten hat. Wenn man von Menschen spricht spielt es keine Rolle, welche Hautfarbe man hat, wie alt man ist, wen man liebt oder welche Ansichten man vertritt. Damit sind wirklich einfach alle gemeint.
Ich erinnere mich noch daran, wie ich als Kind eine Zeit lang oft „Mensch!“ gesagt habe, wenn ich mich geärgert hab und wie meine Oma dafür mit mir geschimpft hat. „Mensch ist kein Schimpfwort“, hat sie gesagt. Damals fand ich das komisch und habe das nicht so ganz verstanden. Heute kann ich den Gedanken dahinter durchaus nachvollziehen. Unser Menschsein ist das, was uns trotz aller Unterschiede miteinander verbindet und somit eins unser kostenbarsten Güter.
In einer Welt, wo so oft von „uns“ und „den Anderen“ die Rede ist, werden viel zu oft die Merkmale herausgestellt, die sich gut zum Grenzen und Gräben ziehen eignen. Ein bisschen (sinnbildliche) Erde, um diese Gräben wieder zuzuschütten soll mein Stück humans und auch das Musikvideo dazu sein.
Da es ein Weihnachtsvideo werden sollte und diese Botschaft (nicht nur, aber besonders) gut in die Weihnachtszeit hinein passt, fiel dann die Wahl des Stücks für das Video auch schnell auf humans anstatt auf ein anderes Stück auf dem Album.

Ideen und Inspirationen

Meine erste Idee für das Video war sehr explizit an das Thema angelehnt. Mir schwebte zunächst etwas wie das hier vor, wo viele sehr verschiedene Gesichter in die Kamera schauen. Das klingt einfach, aber ich finde die Wirkung davon unglaublich stark.
Als ich Julius von der Idee erzählte bemerkte er aber zurecht, dass es wohl über die vier Minuten des Stücks dann doch langweilig werden könnte, wenn es keinen Spannungsbogen gibt. So kamen wir dann wieder auf ein Musikvideo mit Story wie bei unserem vorherigen Musikvideo sepia:
Wie bei sepia auch, wurde ich als Reaktion auf humans oft gefragt, wer sich denn die Geschichte ausgedacht hätte. Das waren Julius und ich. Allerdings haben wir uns bei humans etwas schwerer getan und insgesamt über knapp zwei Monate verteilt immer wieder daran gefeilt und vor allem viel verworfen. Unsere erste Story hätte wahrscheinlich locker ein 30-minütiger Kurzfilm werden können, so viele Details und Szenen hatten wir uns ausgedacht. Dabei hatte ich zunächst ein bisschen überschätzt wie viel Zeit es braucht, um etwas filmisch zu erzählen, ohne dass der Zuschauer mit Bildern bombardiert wird, als gäbe es kein Morgen mehr.

Unsere Story, Scrooge und seine geister

Wir wollten einen Weihnachtsfilm machen, aber nicht so explizit, dass das Video außerhalb der Weihnachtszeit keinen Sinn mehr ergeben würde. Also kein Schnee, Glöckchen, Weihnachtsmann und Weihnachtsbäume. Bei einem unserer Brainstormings landeten wir bei Charles Dickens’ Weihnachtsgeschichte, die uns den Rahmen für unsere Handlung vorgab. Bei Dickens wird der geizige alte Scrooge von den Geistern der vergangenen, der gegenwärtigen und der zukünftigen Weihnacht besucht. Durch diese Erfahrungen wird er geläutert und ein neuer Mensch. Bei uns ist Scrooge ein älterer Herr mit ausländerfeindlichen Tendenzen, der ebenfalls durch drei Momente zum Nach- und Umdenken bewegt wird. Bei uns kommen zwar keine Geister ins Spiel, aber Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft spielen doch genauso eine Rolle. Nur weil er sich daran erinnert, selbst einmal Opfer von Gewalt gewesen zu sein, greift er ein, als er bemerkt wie der Junge angepöbelt wird. Als er ihm dann, aus Neugier und Langeweile, heimlich bis nach Hause folgt und dort miterlebt, wie herzlich und fröhlich der Umgang in dieser Familie ist wird ihm auf einmal seine eigene Einsamkeit bewusst. Er denkt an seine schon seit längerem verstorbene Frau und macht sich zum ersten Mal seit Langem auf zum Friedhof, wo der Junge ihn antrifft und tröstet.

Die Schauspieler

Auf der Suche nach den passenden Darstellern war mir das Jugendtheater Die Schotte in Erfurt eine große Hilfe, wo ich schon ein paar Mal zu Veranstaltungen gespielt habe. Die beiden Hauptdarsteller Matthias „Bolle“ Kohl und Oqba Bouzian wurden mir von dort empfohlen. Bolle durfte dann auch gleich den Kostümfundus plündern, um seiner Rolle auch optisch gerecht zu werden.
Die beiden Hauptdarsteller für "humans" Matthias "Bolle" Kohl und Oqba Bouzian
Bolle und Oqba
Eigentlich hatten wir einen jüngeren Jungen im Kopf, aber der dreißigjährige Oqba rasierte sich für den Dreh sogar den Bart, um sein wahres Alter zu kaschieren! Schwieriger gestaltete sich die Suche nach einer passenden Familie für den Jungen, aber Oqbas Idee statt einer Familie eine WG aus Freunden darzustellen gefiel uns dann auch sehr gut. Als fiesen Schlägertrupp rekrutierte Julius spontan den Praktikanten seiner Firma und dessen Kumpel. Außerdem bekamen wir Unterstützung von Patrick Klaus, der Bock hatte, uns beim Dreh zu unterstützen und dann auch gleich noch als Schläger herhalten musste.
Nach einer richtigen Schlägerei gibt es natürlich auch blaue Augen und Mareike versuchte sich mit ein paar Schminktutorials in der Maskenbildnerei. Ratet mal, wer als Versuchskaninchen rekrutiert wurde!
Philipp mit geschminktem Hämatom (blauem Auge)
Share on facebook
Share on google
Share on twitter
Share on linkedin

Schreibe einen Kommentar

Menü schließen
×