„Mensch ist kein Schimpfwort“ – (Noch mehr) Stories zu meinem Musikvideo humans (part 2)

Hier geht es um die Dreharbeiten zu meinem Stück humans. Wenn Du mehr zu den Vorbereitungen und Hintergründen zu Stück und Video wissen möchtest, dann klick hier.

Drehtag 1 - Tränen, Paketboten und Freiherr von Müffling

Nachdem wir gleich am Morgen unseren Hauptdarsteller Bolle kennen lernen konnten, begannen wir direkt mit dem Dreh. Mit Bolles jahrzehntelanger Theatererfahrung konnten wir natürlich nur ansatzweise mithalten, insbesondere was die Regieanweisungen betraf.
Ein kleines bisschen mussten wir uns dann aufeinander einpendeln, um den üblichen Gegensatz aus Theater- und Filmschauspiel zu überwinden. Im Theater sind oft die Gesten größer, damit auch die Leute in der letzten Reihe alles mitbekommen. Das wirkt dann allerdings im Film etwas übertrieben, wo man quasi jeden Gesichtsmuskel zucken sieht.

Wir alle waren von Bolle und seinem Spiel von Anfang an schwer beeindruckt. Die Krone setzte er dem Ganzen dann auf, als wir ihn baten: „Hier müsste er ein bisschen emotional werden“. Seine Antwort: „Ok, gut.“ und eine Minute später flossen die ersten Tränen – ein absoluter Gänsehaut-Moment.

Als Nächstes ging es nach draußen für die Straßenszenen. Hier bestand die Herausforderung darin, die Straße lang genug für unsere Szenen komplett für uns allein zu haben, um keine unfreiwilligen Komparsen ins Bild laufen zu sehen. Und da gab es einige. Anwohner, Zeitungs-Austräger, Paketbote, alle wollten sie genau durch „unsere“ Straße.
Letztendlich haben wir hier mehr gedreht, als nötig war – eine dritte Straßenszene (in der der Junge nach der Schlägerei noch einmal auf Scrooge trifft und wieder von ihm abgewiesen wird) hat es aus Zeitgründen gar nicht in den fertigen Film geschafft.

Oqba wartet am Filmset von "humans"
Warten, warten, warten...

Hier war es eine sehr eindrückliche Erfahrung für uns Umstehende, Zeuge zu werden, wie unser „Scrooge“ den Flüchtlingsjungen angeht und beschimpft. Auch einige Anwohner mussten wir beruhigen, die zwar nicht eingeschritten sind (es war ja auch eine Kamera zu sehen), aber sich dennoch gewundert haben was hier los war (gut so, Zivilcourage ist eine wichtige Sache! 🙂 Oqba, der in Syrien Theaterwissenschaften studiert hat, nahm es aber gelassen und professionell. Was uns anderen hochgradig unangenehm war ließ er einfach nicht an sich ran.

Als letzten großen Block drehten wir dann zum Abschluss noch die Friedhofszene. Da wir wohl für einen echten Friedhof eine Drehgenehmigung gebraucht hätten, sind wir auf den Brühler Garten in Erfurt ausgewichen, der tatsächlich in einem früheren Leben auch ein Friedhof war. Das Grabmal, vor dem es zur Schlüsselszene kommt, gehört zwar in Wirklichkeit einem Freiherr von Müffling (wer kennt ihn nicht :), aber man muss sich eben zu helfen wissen. Gern hätte ich, um den Friedhofseindruck zu verstärken, noch ein paar entsprechende Schnittbilder eingebaut (es gibt z.B. auch ein großes steinernes Kreuz im Brühler Garten), aber leider mussten wir für die fertige Version Material aussortieren wo es nur irgendwie möglich war.

Paparazzis am Set! 🙂

Running Gag des Tages wurde der riesige Verpflegungsbeutel, den ich für die Crew zusammen gestellt hatte, der quasi am Ende des Tages immer noch genauso voll war wie am Morgen und der  eigentlich die ganze Zeit nur im Weg war und aus dem Bild getragen werden musste.

Drehtag 2 - Familie, Fakes und Fleisch

Am zweiten Tag stand die Familie bzw. die Freunde des Jungen im Mittelpunkt. Für die Szene, in der alle drei ihre Dankbarkeit für die Rettung des Jungen zum Ausdruck bringen wollen, konnte Mareike dann auch endlich ihre neu erworbenen Schminkkünste zum Einsatz bringen. Hier verbrachten wir sehr viel Zeit mit wirklich ALLEN nur irgendwie möglichen Perspektiven, aus denen man diese Szenen betrachten könnte. Und, Du hast es sicher schon erraten, davon hat es nur ein Bruchteil ins Video geschafft 🙂

Gedränge an der Haustür

Als nächstes ging es an die „Verfolgungsjagd“. Da wir erst gegen Mittag mit dem Dreh begonnen hatten ging die Novembersonne schon langsam unter, als wir diese Szene begonnen. So wird es im fertigen Film von einer Einstellung zur nächsten immer ein bisschen dunkler was den Übergang zur Fensterszene dann gut herstellt. Und falls Du es Dich gefragt hast: In dem Moment, wenn Bolle sich hinter der Laterne versteckt sieht man ihn natürlich in der Gegeneinstellung (man müsste schon SEHR schlank sein, um sich hinter einem Laternenpfahl verstecken zu können), weswegen wir diesen Moment dann nicht wirklich aus Oqbas Perspektive zeigen konnten.

Beim Film ist doch alles Fake: Nicht nur, dass Bolle während des Drehs keine einzige Sekunde Ferngesehen hat (Dafür haben wir einen Schweinwerfer mit blauer Blende genommen, über dem dann wiederum eine zweite Blende hin und her bewegt wurde).
Das Fenster durch das Bolle in den Raum mit den drei Freunden und dem Abendessen schaut ist auch gar nicht dasselbe, durch das die Szene gefilmt ist. Das lag daran, dass der eigentlich Raum quasi im Keller liegt und die Fenster halb unter dem Gehweg liegen. Julius ist also aus dem Fenster geklettert und hat die Szene im Kellerfenster-Vorsprung hockend gefilmt. Da das Fenster geschlossen sein musste haben wir dann mit Handys auf Lautsprecher miteinander kommuniziert.

Eine besondere Erwähnung an diesem Drehtag hat sich auf jeden Fall Oqba verdient. Ohne mit der Wimper zu zucken und das Geringste zu sagen hat er (eigentlich komplett vegan lebend) den Dönerfleisch-Salat gegessen hat, den wir als „Abendbrot“ für die Familie besorgt hatten. Leider mussten wir auch hier das Material zusammen streichen, sodass es sich für ihn dann in Hinblick auf den Film nicht einmal gelohnt hat…

Oqba und die Schläger am Filmset

Drehtag 3 - Gleich setzt es Prügel!

Für den letzten Drehtag blieben eigentlich nur noch ein paar wenige Szenen übrig, insbesondere die beiden Prügelszenen. Auch hier mussten wir den Dreh immer wieder für Leute unterbrechen, die durchs Bild laufen wollten – an einem schönen sonnigen Dezember-Samstag kann man das aber auch niemandem so wirklich verübeln. Die Herausforderung bei der Erinnerungsszene bestand darin, dass unser zweiter Schläger Dominik (der von Haus eher ein lustiger Mensch und kein Schlägertyp ist) partout nicht ernst bleiben konnte als er in die Kamera schaute. Nach ein paar Versuchen hatten wir dann aber auch dafür alles im Kasten und es ging an den Schnitt.

Ein Film wird geboren

Ich bewundere Julius und seine Arbeit über alle Maßen. Einen kompletten Überblick über die einzelnen Szenen und Shots, die wir gemacht haben hatte ich am Ende trotz Drehplan nicht mehr. Und trotzdem weiß Julius irgendwie immer welche Perspektive jetzt noch fehlt und was man vielleicht nochmal filmen könnte. „Besser haben als brauchen“ sagt er dann immer. So richtig entsteht dann der Film auch erst im Schnitt.
Julius Dürrfeld in Action am Filmset
Julius in Action am Set

Besonders bei sepia hatten wir so wahnsinnig viel Material, dass erst durch Julius’ Auswahl der richtigen Szenen und Einstellungen die Story so richtig erzählt wurde. Genauso war es hier auch. Wir hatten zwar im Vorfeld einen Plan gemacht was wann zu sehen sein sollte, haben dann aber schnell festgestellt, dass wir immer noch viel zu viel Story in viel zu wenig Zeit pressen wollten. Da die hektischen Schnitte zur Musik nicht gepasst hätten mussten wir dann viel verwerfen (immerhin hatten wir Material von drei Drehtagen um einen Vier-Minuten-Film zu machen)

Und auch Änderungen am ursprünglichen Plan gab es einige: Eigentlich hatte ich mir als Ende vorgestellt, dass man im Schlussbild sieht, wie die drei Freunde über Scrooge’s Türschwelle treten. Im Endeffekt war das dann aber doch etwas zu plakativ und wir entschieden uns für die etwas offenere Fassung.
Nach einigen Rohfassungen und vielen Überarbeitungswünschen meinerseits kamen wir dann endlich zum fertigen, und wie ich finde durchaus sehenswerten, Ergebnis. Schaut es Euch doch gleich nochmal an:

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