Ost, West – das sind doch bürgerliche Kategorien

Letzte Woche war Tag der Deutschen Einheit und auch wenn das mit Musik reichlich wenig zu tun hat, brennt mir in diesem Zusammenhang ein Thema unter den Nägeln.

Denn obwohl der Mauerfall so alt ist wie ich selbst (oh oh, die böse Zahl mit der 3 vorn und der 0 hinten), erlebe ich es für meinen Geschmack viel zu oft, wie viele Vorurteile in diesem (auf dem Papier) vereinigten Deutschland noch kursieren.

So habe ich in Erfurt Leute getroffen, die aus „dem Westen“ kommen und sich nicht vorstellen können nach Beendigung ihrer aktuellen Tätigkeit einen Tag länger „im Osten“ zu bleiben. Wohlgemerkt: Die Tätigkeit heißt Studieren und diese Menschen sind gerade einmal paar-und-zwanzig Jahre alt – sprich: diese Trennung, die einmal bittere politische Realität war, lebt in den Köpfen derer fort, die sich, selbst wenn sie wöllten, nicht mehr daran erinnern könnten, weil sie schlichtweg noch nicht geboren waren.

Aber das Ganze funktioniert natürlich genauso andersherum: Leute aus der gleichen Altersgruppe erzählen mir, dass sie es sich niemals vorstellen könnten „im Westen“ zu leben. Warum? Weil „die da drüben“ arrogant und überheblich sind. Für andere sind „die Wessis“ nur die Chaoten auf der Autobahn.

Und warum tragen Menschen T-Shirts mit dem Aufdruck „Stolz drauf Ossi zu sein“?! Warum ist die Identifikation mit einer (nicht mehr existenten) menschgemachten Grenze so groß? Wäre „Ich liebe Spaghetti mit Tomatensauce“ nicht der viel bessere Aufdruck? Ich finde schon.

Stacheldraht

Eine Entscheidung fürs Leben

Die Vergangenheit heißt so, weil sie vergangen ist (wie geistreich!). Und im Hier und Jetzt ist doch kein Platz für solche Klischees. Hätte es die Mauer nicht gegeben, würde ich heute nicht hier sitzen und diese Zeilen schreiben. Und wäre sie nicht gefallen, hätte ich niemals sechs Jahre in Kanada leben können oder nur einen Bruchteil der anderen Länder besuchen können, die ich bis jetzt gesehen habe.

Es war mein Opa, der sich kurz vor dem Mauerbau dafür entschied, in der Nähe von Dresden eine Ausbildung zu beginnen. Die brach er auch dann nicht ab, als er die letzte Gelegenheit gehabt hätte, nach Hause (nach Baden-Württemberg) zurückzukehren. Und so konnte er viele Jahre nicht mehr zu seiner Familie und seinen vielen Geschwistern.

Allerdings lernte er so im Kirchenchor, den er leitete, meine Oma kennen. Sie heirateten und bekamen drei Kinder, eins davon war mein Vater. So viel Unrecht dieses Regime auch vorgebracht haben mag, hätte es nie existiert würde ich nicht hier sitzen und Blogartikel schreiben.

Philipp Hermann als Baby im Kinderwagen
Eins der wenigen Farbfotos von mir aus den letzten Monaten der DDR, die ich noch miterlebt habe.

Stasi-Irrtum

Es geht mir nicht darum, irgendetwas zu beschönigen oder kleinzureden. Ich bin viel mehr der Auffassung, dass es für uns im Hier und Jetzt allerhöchste Zeit ist, die Vergangenheit ruhen zu lassen und gemeinsam die wirklich wichtigen Dinge anzugehen, nach denen unsere Zeit ruft.

Auch in meiner Familie gab es Schwierigkeiten mit dem System in der DDR. Weil mein Vater den Wehrdienst an der Waffe verweigerte, wurde er nicht zum Abitur zugelassen. Und die Stasi hatte meinen Opa und meinen Vater fest im Visier.

So kam es, dass vor meiner Geburt meine Eltern von vielen Freunden gefragt wurden, ob denn das Kind jetzt endlich da ist und ob es ein Junge oder ein Mädchen ist. Als ich dann auf die Welt kam, hatte mein Vater die Idee, diese Frage öffentlich zu beantworten: Er brachte im Wohnzimmerfenster das Wort „Ja“ an, wobei aus dem kleinen a rechts oben der Ares-Pfeil herausragte. So konnte jeder sehen „Ja, das Kind ist da, es ist ein Junge!“. Daneben befestigte er noch den Fächer des Kirchentags. Natürlich war das eine hochsuspekte Angelegenheit, sodass der zuständige Stasi-Mitarbeiter darüber eine Akte anlegte – nur leider falsch, er schrieb ein großes A anstatt des Kleinen und machte sich damit das Entschlüsseln der Botschaft wohl noch um einiges schwerer 😉

Stasi-Akte zu Philipps Geburtsanzeige
Wir können den Lauf der Dinge die waren nicht mehr verändern. Aber wir können dafür sorgen, wie wir unsere Gegenwart gestalten. Und vor allem können wir darauf achtgeben, dass wir uns bei jeder neuen Begegnung dazu aufraffen, diesem Menschen vorurteilsfrei entgegenzutreten. Vorurteile zu haben bedeutet, so zu tun als kenne man den Anderen schon, bevor man überhaupt ein Wort gewechselt hat. Lasst uns dem Anderen die Chance geben, uns als völlig Unbekannter entgegenzutreten.

Stacheldrahtfoto: S. Hermann & F. Richter (Pixabay)
Titelbild: rihaij (Pixabay)

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