Üben, üben, üben… – und wie ich es organisiere.

Ich liebe Systeme, Pläne und alles was dazu gehört. Leider habe ich das Problem, dass ich mich dann viel zu selten daran halte. Kennst Du das?
Genauso ging es mir auch lange Zeit mit Übeplänen. Ich habe versucht, mich selbst zu strukturieren, habe versucht mich an strikte, selbstauferlegte Vorgaben zu halten – alles ohne Erfolg. Eine Zeit lang funktioniert es immer gut und dann komme ich nicht mehr hinterher und gerate ins Hintertreffen mit meinen Übe-Inhalten.

Mein Übe-Problem

Auf meine Nachfrage hatte mir mein Klavierprof einen Plan gegeben, der insgesamt auf irgendwas zwischen acht und zehn Stunden am Tag ausgelegt war. Ich weiß nicht, wie er das geschafft hat, bei mir war das mit restlichem Studium, Nebenjobs und einem Minimum an Sozialleben leider eher unrealistisch. Und eigentlich wollte ich ja Kulturmanager werden.
Also musste ich mir selbst etwas überlegen. Dabei gab es für mich zwei Hauptprobleme zu lösen: Einerseits Ziele zu stecken, über die ich dann den Überblick nicht verlieren durfte und andererseits nicht am Klavier zu sitzen, abzuschweifen und dann gedankenlos zu spielen. Damit kommt man zwar auf viel Übe-Zeit, aber gutes und richtiges Üben sieht anders aus.

Vor einer Weile stieß ich in einem bemerkenswerten Klavierbuch eines Dresdner Professors (Günther Philipp: Klavierspiel und Improvisation) auf die These, dass zwei bis drei Stunden Übezeit am Tag völlig ausreichen, solange man richtig übt und dass richtiges Üben auch extrem anstrengend ist. Schließlich muss der Kopf die ganze Zeit dabei sein und alle Sinne müssen konstant wachsam bleiben. Ein paar Tipps zum Üben werde ich hier demnächst auch nochmal aufschreiben. Heute soll es aber eher um den Rahmen gehen, den ich mir gesteckt habe.

Von Klavieren und Tomaten

Da ich (viel zu) viel Zeit mit der Suche nach neuen Produktivitätstheorien und -methoden verbringe, lief mir irgendwann die Pomodoro-Methode über den Weg. Sie heißt so, weil der Kurzzeitwecker ihres Erfinders eine Tomatenform hatte (Tomate = it. pomodoro). Dieser teilte damit seine Arbeit in Blöcke von 25 Minuten auf. Das hat zwei Vorteile. Man arbeitet immer sehr zielgerichtet, denn man arbeitet in dieser Zeit an einer sehr präzisen und klar abgegrenzten Aufgabe. Innerhalb dieser Zeitspanne wendet man der Aufgabe seine komplette Aufmerksamkeit zu. Danach macht man eine kurze Pause und dann geht es mit einem neuen „Pomodoro“ weiter.
Eine Tomate
Eine Tomate. So oder so ähnlich hat, der Legende nach, der Kurzzeitwecker des Erfinders der Pomodoro-Methode ausgesehen 🙂
Ich habe zwar die Zeitabschnitte auf 20 Minuten begrenzt, mit jeweils 5 Minuten Pause dazwischen, aber ansonsten habe ich alles andere beibehalten. Bei der Arbeit an bestimmten Stücken, technischen Aspekten oder Improvisationsgrundlagen kann ich mir so ein ganz bestimmtes Ziel setzen, das ich dann in die Tiefe auslote. Das konkrete Ziel spornt extrem an, es auch zu erreichen. So passiert es mir viel weniger, dass ich mich beim Üben dabei ertappe abzuschweifen und einfach nur irgendetwas zu spielen (was früher auf jeden Fall oft passiert ist).

Zwischen Spielen und Üben besteht ein riesiger Unterschied und beides sind zwei Seiten einer Medaille. Das fokussierte Üben erfordert wie gesagt den kompletten Einsatz der geistigen Möglichkeiten. Auch richtiges Spielen erfordert Präsenz, ist aber trotzdem der Teil, der v.a. auch meinen Schülern immer leichter gefallen ist als das eigentliche Üben. Es gibt viele Mittel und Wege auch das Üben abwechslungsreich und interessant zu machen, weg vom stupiden Wiederholen. Leider herrscht da aber bei vielen Schülern und auch Studierenden, denen ich begegnet bin die Ansicht, dass Üben v.a. darin besteht, eine Passage einfach immer wieder und wieder zu wiederholen. Ein paar Tipps um das zu durchbrechen kommen noch in einem anderen Artikel 🙂

Listen, Boards und ein Etappenlauf

Die Pomodoro-Technik löst zwar mein Problem mit dem Abschweifen, aber noch nicht den Überblick über meine Übe-Inhalte. Dafür nutze ich seit einiger Zeit Trello. Es ist kostenlos und man kann damit Listen erstellen, in die man Karten hinzufügt. In meinem Trello-Board habe ich dann eine Wunschliste, eine Start-Liste, sieben durchnummerierte Listen und eine Ziellinien-Liste. Das klingt relativ abstrakt, ist aber eigentlich ganz einfach. In der Wunschliste sind alle Sachen, an denen ich gern arbeiten möchte, oder die in nächster Zeit anstehen.
Wichtig ist, dass die einzelnen Karten auf abgegrenzte Inhalte hinweisen (wie bei Pomodoro!). Sobald ich eine neue Karte beginne (= an einem neuen Aspekt zu arbeiten beginne) schiebe ich sie von der Wunschliste in die Startliste. Jetzt hat die Karte ihren eigenen kleinen Etappenlauf vor sich: Für jedes fertige Set von 20 Minuten wird die Karte eine Liste weiter verschoben bis sie an der Ziellinie ankommt.
Dann habe ich 7 x 20 Minuten an genau diesem einen Aspekt gearbeitet. Vorher hatte ich statt der Zahlen die einzelnen Wochentage als Namen für die Listen, aber wenn ich doch einmal mein geplantes Pensum nicht geschafft habe haben sich immer mehr Karten angesammelt, sodass ich ein etwas flexibleres System haben wollte. Ist eine Karte an der Ziellinie angekommen und ich habe trotzdem das Gefühl dass das entsprechende Ziel noch nicht bewältigt ist fängt sie einfach wieder vorn in der Startliste an.
Wenn ich einmal eine Karte eine Weile nicht bearbeitet habe, gibt es eine Funktion in Trello, die sie verblassen lässt. Je blasser die Karte, desto länger wurde sie nicht bewegt. So sehe ich auch schnell woran ich jetzt mal lieber wieder etwas üben sollte. Das hat den Effekt, dass Karten die noch nicht ganz zum Abschluss gebracht wurden auch nach einem längeren Zeitraum wieder aktiviert werden, was den Übe-Effekt dann nachhaltiger macht. Letztendlich ist es ein bisschen wie bei klassischen Karteikarten-Lernsystemen, wo die gelernten Karten nach und nach verschiedene Lernstufen schaffen müssen.
Philipps Trelloboard zum Üben
Mein Trello-Übeboard: Ganz links stehen die Elemente, die ich gern üben möchte. Die verblassten liegen da schon seit einer Weile. Für jedes Mal 20 Minuten üben rückt eine Karte eine Liste weiter. Das Rennen macht im Moment Bachs Sinfonia in H-Moll, die kurz vor der Ziellinie ist.

Für manchen mag diese etwas technische Art und Weise wie ich mein Üben organisiere etwas befremdlich wirken. Mir hat es aber in den letzten Jahren sehr dabei geholfen, mein Üben zu strukturieren und schneller voranzukommen. Wenn Du auch Klavier spielst, schreib mir doch eine Nachricht, wie Du Dich beim Üben strukturierst, ich bin immer neugierig zu hören wie andere da rangehen!

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