Warum Stille (mir) wichtig ist

Mein Thema heute brennt mir schon lange unter den Nägeln. Wenn ich mit anderen darüber spreche wird es sehr unterschiedlich aufgenommen. Manche stimmen mir zu, manche überhaupt nicht, andere haben sich noch nie darüber Gedanken gemacht. Und jetzt vor Weihnachten ist ein guter Zeitpunkt hier mal drüber zu schreiben.

Deswegen geht es heute darum, wie wichtig Stille eigentlich ist.

Musik ohne Stille

Eins der Beispiele, die mich regelmäßig wieder auf die Palme bringen: Ich gehe zu einem Konzert. Die Band spielt geiles Zeug, das Publikum wird von der Musik eingesogen. Der Abend nähert sich dem Höhepunkt und die Band sagt das letzte Lied an. Tosender Applaus zum Abschluss, erst eine Zugabe, dann noch eine. An guten Abenden vielleicht sogar noch eine dritte. Dann geht die Band endgültig von der Bühne. Wow, was für ein Gefühl, wenn die Musik noch langsam in allen Beteiligten nachklingt… Doch dann geht die Hintergrundmusik an. Und die Magie des Abends, die Lieder im Kopf, alles ist weg. Und es gibt leider kein Zurück mehr.

Philipp Hermann Quintett auf der Bühne
Auch bei meinen eigenen Konzerten lege ich großen Wert drauf, dass zwischen Konzertende und Hintergrundmusik ausreichend Zeit ist. Im Idealfall gibt es nach dem Konzert einfach auch gar keine Musik mehr.

Einmal habe ich in Québec einem Konzertsaal nach einem solchen Erlebnis eine Beschwerde-Mail geschrieben (Jaja, der Deutsche wieder. Zieht ins Ausland und schreibt dann dort böse Beschwerdebriefe wenn ihm was nicht passt :D) Es kam eine relativ verständnislose Mail zurück, in der man mir beteuerte, dass sich darüber noch nie jemand beschwert hätte und man beim nächsten Konzert auf die Dudel-Musik verzichten würde. Als ich das nächste Mal im gleichen Saal zu einer Veranstaltung war, lief die Musik natürlich wieder.

Versteh mich bitte nicht falsch, ich habe nichts gegen Hintergrundmusik. Im Gegenteil, erst durch die Musik bekommen Besuche im Restaurant oder Café die Untermalung. Aber was ist so schlimm daran, wenn die Musik mal fünf bis zehn Minuten aussetzt? Und ein Konzert, etwas das ein echter Musiker live gespielt hat, ein wenig nachwirken kann?

Weingläser und -flasche mit Kerze
Was wäre ein entspannter Abend mit Freunden ohne die richtige Musik?

Ich habe in Québec regelmäßig abends in einem Bistro gespielt (am wahrscheinlich schlechtesten E-Piano der westlichen Hemisphäre). Immer wenn ich Pause gemacht habe, schaute der Oberkellner als habe ihm jemand seinen Kaffee mit Wurstbrühe gekocht und hechtete zum Schrank mit der Musikanlage. Erst nachdem er keuchend auf Play gedrückt hatte und wieder Musik lief, sank er schwitzend und halb ohnmächtig, aber beruhigt neben dem Schrank zu Boden. Zugegeben, vielleicht habe ich das ein wenig schlimmer in Erinnerung als es war. Aber anscheinend durfte es im Restaurant keine Sekunde still sein.

Und vielleicht sollte man sich hier mal klar machen. Es ist ja nicht wirklich still in einem Restaurant. Reden, Tellergeklapper, Geschmatze, Lachen, Trinkgeldklingeln, das sind ja alles Geräusche. Aber wehe es ist kurz mal keine Musik über dem ganzen anderen Trara zu hören!

Stille ist nicht gleich Stille

Überhaupt bedeutet Stille ja oft nicht tatsächlich „Stille“ (also komplette Abwesenheit von Geräuschen). Es gibt sogar einige Berichte von Menschen, die in einer sog. „Anechoic chamber“ (ein komplett stiller und abgedämpfter Raum) nur sehr kurze Zeit verbringen konnten bevor sie den Raum schleunigst wieder verlassen wollten.

Auch wenn dieser Youtuber so seine Zweifel daran hat, stellt auch er fest: In einem Raum, der komplett still ist, wird jedes Geräusch auf einmal laut (schlucken, Kleidung reibt aneinander, kratzen, Herzschlag, …)

Komplette Stille gibt es also de facto nicht. Und so eine extreme (und auch auf der Erde unnatürliche Stille) wünsche ich mir ja gar nicht. Mir geht es nur um Stille als Gegensatz zu Musik, Social Media, Filmen, usw. In meinem Lieblings-Musikbuch „The Music Lesson“ fällt der unglaubliche Satz:

„If there were no rest, all Music that was ever played would still be playing.“

(„Wenn es keine Pausen gäbe würde alle Musik, die jemals gespielt wurde immer noch spielen“)

Genau aus diesem Grund stelle ich auch wo es nur geht das Autoplay-Feature ab. Ich möchte nicht dauerbeschallt werden, sondern mich bewusst für oder gegen Musik oder Filme entscheiden können. Deswegen hat es auch lange gedauert bis ich mich mit Spotify angefreundet habe (um genau zu sein, so lange bis ich vor einer Weile herausgefunden hab, dass man das Autoplay auch abschalten kann 😉 So kann ich ein Album hören und habe danach wieder eine Verschnaufpause (ich weiß, Playlists sind die neuen Alben, aber ich höre eben gern EINEM Künstler eine Zeit lang zu als vielen ähnlichen Künstlern über lange Zeit. Darin bin ich wohl etwas altmodisch und zu sehr mit CDs aufgewachsen 😉 )

Stille, die Elbphilharmonie und Tiergeräusche

Ein frappierendes Beispiel davon, wie unwohl sich viele Leute bei Stille anscheinend fühlen haben Mareike und ich im August in Hamburg erlebt. Dort waren wir in der Elbphilharmonie zum Chilly-Gonzales-Konzert (das unglaublicherweise mit einer Zugabe an der Orgel geendet hat, die ungefähr 1,5m hinter unseren Sitzplätzen stand!!). Gegen Ende des Konzerts sagte Chilly, dass es ein Zeichen größter Vertrautheit sei, wenn man gemeinsam schweigen kann und dass er sehen wollte, ob das Publikum schon so weit sei. Es folgte eine Version des Stückes 4’33 von John Cage. Dieses „Stück“ besteht darin, dass der oder die Musiker 4 Minuten und 33 Sekunden lang regungslos an ihren Instrumenten sitzen. Die Musik sind die Geräusche, die in der Stille im Raum entstehen (zu den ersten Aufführungen des Stücks wohl auch das empörte Raunen des Publikums, warum die Musiker nicht spielen)

In Hamburg fühlten sich nach und nach viele Zuschauer ermutigt immer absurdere Geräusche von sich zu geben. Von lachen, laut reden bis über affenartiges Gekreische bis hin zu Vogelzwitschern, war alles dabei. Wahrscheinlich fanden sie das irgendwie lustig. Allerdings verbauten sie dadurch sich selbst und den anderen Zuhörern die Chance einmal ein paar Minuten dem eindrucksvollen Klang der Stille zuzuhören, der entsteht wenn 2.100 Menschen gemeinsam schweigen.

Was meinst Du? Frustrieren Dich solche Situationen auch manchmal? Oder kannst Du eigentlich ununterbrochen Musik hören? Schreib mir doch Deine Meinung zum Thema!

Titelbild by Free-Photos from Pixabay

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Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Lieber Philipp, bin gerade wieder in deinem blog gelandet und er spricht mich ungemein an! Witzigerweise hatte ich den blog über Luisa Hattenbach entdeckt, die dich abonniert hat und sehr empfahl! Darauf hin habe ich vor Weihnachten schon mal ein bisschen bei dir „rumgelesen“, was ein großes Freudengefühl bei mir auslöste! Es gelingt dir, in einer sehr ansprechenden Form über (musikalische) Dinge zu schreiben, so dass ich dich verstehen kann und mich selbst verstanden fühle! Mit der Stille geht es mir ebenso wie dir und ich finde es beeindruckend, wie du öffentlich deine Seele offenbarst in Zeiten der shitstorms im Internet! Vielleicht schreibst du ja gerade dagegen an. Ich lerne dich dadurch ganz neu kennen. Ich finde, dass sich Musiker viel mehr austauschen sollten, vieles wird durch Konkurrenzdenken verhindert. Es freut mich, auf eine verwandte Seele zu treffen! Habt eine schöne Silvesternacht, liebe Grüße von Silke

    1. Liebe Silke, lieben Dank für Deine ausführliche Nachricht! Ich freue mich riesig, zu hören, dass Dir meine Artikel gefallen und ein paar neue Seiten gezeigt haben 🙂

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