Was mir in Québec Angst machte und in Erfurt endlich Realität wurde

„Nach zehn Jahren ist es an der Zeit etwas Neues zu beginnen“ habe ich schon öfters gehört. Bei mir ist der Rhythmus wohl eher fünf Jahre. Nach fünf Jahren Québec und fünf Jahren Erfurt beginnt jetzt ein neuer Abschnitt, ich bin gespannt was dann 2024 ansteht!

Als ich vor zehn Jahren mein Studium in Québec begann, habe ich nicht im Traum daran gedacht, später mal Musiker zu werden. Aber manchmal braucht es eben etwas Zeit, bis man dahin gefunden hat, wo man wirklich sein will. Vielleicht geht es Dir ja manchmal ähnlich und Du bist nicht sicher, wo die Reise hingehen soll. Ich glaube das ist völlig OK und wenn Du magst, liest Du hier, wie sich mein Leben weg von meinem ursprünglichen Plan und hin zur Musik bewegt hat.

Musikstudium? Na gut.

Ich hatte zwar schon lange Klavier gespielt und auch viel Spaß an der Musik. Ob ich die Musik zu meinem Beruf machen sollte, daran hatte ich (und viele Leute in meinem Umfeld) aber Zweifel. Deswegen hatte ich nach dem Abi ein FSJ beim Sächsischen Musikrat gemacht. Die Arbeit gefiel mir ganz gut, sodass ich mir dann in Québec einen Bachelor zusammen gestellt hatte, der sich am ehesten mit „Kulturmanagement“ umschreiben lässt. Ich hatte Spaß dran, war aber auch unsicher, was ich danach damit anstellen wollte.

Während dieses Studiums entwickelte ich das Projekt einer Künstleragentur für kanadische Bands, die in Deutschland touren wollen. (Puh, das klang jetzt sehr trocken!) Ich habe zwar unglaublich viel Zeit und Energie in dieses Projekt gesteckt, hatte sechs Bands mit denen ich zusammen gearbeitet habe, habe neben dem Studium noch ein halbes Jahr lang zwei Abende die Woche eine Zusatz-Ausbildung gemacht und doch war ich wohl (wenn ich jetzt darauf zurückblicke) nicht mit ganzem Herzen dabei.

Die Bands meiner Künstleragentur
Eine designtechnisch fragwürdige Collage "meiner" Agentur-Bands

Vielleicht hätte ich das schon damals merken können. Als ich nämlich nach zwei Jahren Studium bei der Musikfakultät nachfragte, ob ich mich nicht für den Klavierunterricht einschreiben könnte hieß es, dazu müsste ich Musik studieren und die Aufnahmeprüfung bestehen. Gesagt, getan. Als ich dann mit dem Musikstudium beginnen konnte, habe ich endlich gemerkt, wie sehr mir das alles gefehlt hatte: das Klavier spielen, das Üben und v.a. auch das Lernen von allem, was mit Musik zu tun hat. Ich ging einfach voll darin auf.

Projekte in Québec

Trotzdem war ich davon überzeugt, dass ich später einmal eher mit meinen Kulturmanagement-Fähigkeiten Geld verdienen konnte und wollte. Dementsprechend arbeitete ich mit meiner ehemaligen Kollegin Ulrike Kirchberg vom Sächsischen Musikrat zusammen, und holte das Jugend-Jazzorchester Sachsen nach Québec. Und ich bekam mein größtes und schönstes Projekt in dieser Hinsicht: Der Deutsche Weihnachtsmarkt von Québec machte mich zu seinem künstlerischen Leiter (ein bisschen traurig bin ich immer noch, dass ich diesen Job dann nur vier statt meiner obligatorischen fünf Jahre gemacht habe!).
Philipp mit dem Nikolaus auf dem Deutschen Weihnachtsmarkt Québec
Mein jüngeres Ich und der (von mir persönlich bestellte) Nikolaus mit der fetten Uhr 🙂

Parallel begann ich, an einer Grundschule Klavier zu unterrichten, habe dort wunderbare Schüler*innen und deren Eltern kennen gelernt und Schülerkonzerte in der Turnhalle veranstaltet. Eine Zeit lang betreute ich für den Uni-Radiosender das Ranking der neuesten Releases in Jazz und experimenteller Musik. Und zu meinem großen Glück fand zu dieser Zeit noch in Québec jedes Jahr ein Jazzfestival statt, dass die Größten der Großen nach Québec holte. Und als ehrenamtlicher Helfer zum Festival durfte ich viele davon live und (studentengerecht) kostenlos erleben.

Was meine eigenen musikalischen Projekte anging, verhielt ich mich eher zurückhaltend, schließlich wollte ich ja Kulturmanager werden (wenn ich daran zurückdenke verdrehe ich unweigerlich innerlich die Augen). Bei meiner ersten Jamsession in Québec (bei der ich mich extrem überwinden musste auf die Bühne zu gehen) verlor ich mich während des Bass-Solos im Stück und wurde so vom Bassisten angeschnauzt, dass mir für eine Weile die Lust (und v.a. der Mut) auf ähnliche Formate verging.

Erfurter Einsichten

Also kam ich nach dem Studium nach Erfurt und hatte auch hier erst einmal Kulturmanagementpläne. Ich stellte mich in einer (reichlich chaotischen) Künstleragentur vor und konnte auch weiterhin für den Weihnachtsmarkt in Québec arbeiten. Dafür wurde ich dann auch noch zwei Jahre eingeflogen, schließlich musste ich die Konzerte und Veranstaltungen, die ich organisiert hatte ja auch noch vor Ort betreuen 🙂

Und endlich konnte auch eine Band, die ich mit meiner Agentur betreut hatte zum Olala-Festival nach Österreich reisen. Als ich zu einer Lesung dem Konzertunternehmer Berthold Seliger ein Buch abkaufte und ihm bei der Gelegenheit von meinem Projekt erzählte, blickte er mich bedauernd an und kommentierte es mit den Worten „Falsche Welt, aber viel Glück!“

Es hat zwar eine Weile gedauert, bis ich es verstanden habe, aber trotz aller anderen Projekte habe ich mein Geld in Erfurt hauptsächlich (und mit viel mehr Freude) mit Musik verdient. Gleich nach meiner Ankunft begann ich in einer Musikschule zu arbeiten. Dort fehlte mir dann aber durch (zwar sehr liebe, aber) zahlenmäßig zu viele Schüler die Energie und auch die Lust selbst noch Musik zu machen.

Philipp Hermann am Klavier
Viel zu selten kam ich selbst zum Spielen und Komponieren

Mit dem Ausstieg aus der Musikschule fasste ich den Entschluss nur noch Musiker zu sein. Ich hörte auf, an meiner Agentur zu arbeiten und stellte mir bei allen Anfragen die Frage: „Ist das Musik oder etwas anderes?“ Wenn Letzteres die Antwort war, habe ich sie seitdem nicht mehr angenommen. Für den Weihnachtsmarkt arbeitete ich dann noch ein Jahr, habe aber auch dieses wunderschöne Projekt zugunsten meines Lehrauftrags an der Uni Erfurt ein Jahr später abgegeben.

Nur durch dieses radikale Umdenken konnte ich anfangen, mich meiner eigenen Musik zu widmen. Ich bin froh diesen Schritt gegangen zu sein, auch wenn er mir am Anfang ziemlich Angst gemacht hat. Und auch wenn ich mir manchmal wünsche, ich hätte das alles schon eher verstanden, ist doch alles gut so wie es gelaufen ist. Frei nach dem Motto „Umwege erhöhen die Ortskenntnis“ habe ich in meiner Kulturmanagement Zeit vieles gelernt, das jetzt für meine Projekte extrem hilfreich ist.

Und nun beginnen die nächsten fünf Jahre und diesmal werde ich mich (zumindest eine Zeit lang) vom Privatunterricht verabschieden. Von meiner Musik zu leben und sie in die Welt zu tragen ist mein bisher größtes und vielleicht ambitioniertestes Projekt – DANKE, dass Du dabei bist und mich darin unterstützt!!

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