Wie ich mich auf einen Auftritt vorbereite

Wenn ich gerade nicht für mein Soloprojekt Musik schreibe oder aufnehme, habe ich glücklicherweise auch regelmäßig die Gelegenheit mit anderen Leuten zusammen Konzerte zu spielen. Ein paar dieser Projekte aus Erfurt, die mir sehr ans Herz gewachsen sind, habe ich in meinem Abschiedsartikel aufgezählt. Dazu gehört auch die Nerly Bigband, Erfurts einzige Profi-Bigband.

Schon einige Male durfte ich bei Konzerten aushelfen und meinen geschätzten Kollegen Ralf Zappa Iben vertreten, so u.a. auch letztes Jahr zum Jubiläumskonzert. Dieses Mal wird es wieder ein ganz besonderes Projekt – der brasilianische Gitarrist und Arrangeur Marco Antonio da Costa wird an zwei Abenden mit uns, der Bigband, auf der Bühne stehen.

Dafür nehme ich Euch heute mal mit hinter die Kulissen. Denn damit Musik auf der Bühne richtig gut klingt, steckt eine Menge Arbeit dahinter. Wie ich mich auf so ein Konzert vorbereite lest ihr hier.

back in the days

Im Gegensatz zu vergangenen Zeiten haben wir heute den großen Luxus neben den Noten auch fast immer Aufnahmen zur Verfügung zu haben – vorausgesetzt natürlich, jemand hat schonmal die Stücke mitgeschnitten. Damit beginnt auch fast immer meine Vorbereitung: ich höre mir möglichst oft und gern auch nebenher die vorhandenen Aufnahmen an.

Da machen es Spotify und Co. uns schon alles viel leichter als das noch vor ein paar Jahren der Fall war. Denn für jeden Anlass kann ich mir bequem eine Playlist mit den Stücken anlegen, die ich lernen muss und die dann (wenn nötig) hoch und runter hören.

Everybody clap your hands

Nachdem ich mich eine Weile in den Sound der Stücke reingehört habe, setze ich mich hin und lese die Noten mit während die Musik mitläuft. Dabei markiere ich mir schwierige Abschnitte und trage die Stücke in mein Trelloboard ein. Damit ich auf den ersten Blick sehe, welche Stücke mehr Aufmerksamkeit brauchen, habe ich mir diese dann zusätzlich farblich markiert (mit einer Ampel, ganz klassisch 😉 ).

Bei diesem Projekt liegt die Schwierigkeit für mich bei vielen Stücken im Rhythmus. Deswegen bin ich beim Anhören der Stücke anfangs nicht viel weiter gekommen als bis zu meinem Einsatz. Denn einige Male kam es vor, dass ich nicht an derselben Stelle rausgekommen bin wie die Aufnahme. Ohne zu sehr auf die technischen Details eingehen zu wollen, klingen die Rhythmen teilweise für meine westeuropäischen Ohren so, als würde der Schwerpunkt, die „1“, ganz woanders liegen. Das kann man sich ein bisschen wie bei einer optischen Täuschung vorstellen, wo man durch die umliegenden Elemente das offensichtliche nicht mehr ganz so einfach wahrnehmen kann.

Optische Täuschung
Durch den Hintergrund erscheinen die Linien gekrümmt obwohl sie parallel sind. Bei einer akustischen Täuschung spielt man, zumindest am Anfang, dagegen an, dass es sich eigentlich so anfühlt als wäre man an der falschen Stelle.

Um die Täuschung zu überwinden, musste ich erst einmal den Takt richtig sicher finden. Dazu habe ich beim Anhören und Mitlesen zunächst den Takt mitgeklatscht. (Wahrscheinlich die Hassübung meiner meisten Schüler – aber leider immer wieder unglaublich hilfreich!)

Land of 1000 Dances

Wenn man in Westeuropa mit der Musik von hier aufwächst, kann es eigentlich immer nur eine Annäherung sein, wenn man hin und wieder mal lateinamerikanische Musik spielt. Natürlich bemühe ich mich darum, ein Gefühl für diese Rhythmen zu entwickeln, aber manches ist so radikal anders, dass es extrem viel Zeit und Energie bedürfte, um das aufzuholen, was Brasilianer oder Kubaner an Rhythmen mit der Muttermilch einsaugen.

Als ich meinen afro-kubanischen Klavierprofessor einmal bat, mir eine Einführung in die kubanische Musik zu geben, zeigte er mir zwar ein paar einfache Rhythmen. Fazit war aber eher (wie so oft), dass es wohl keine allgemeingültige Lösung gibt und die Musik so vielfältig und komplex ist, dass teilweise auf Kuba von einem Dorf zum Nächsten unterschiedliche Stilistiken gespielt werden. Um mir zu zeigen, wie die Musik funktioniert tanzte er es mir dann vor – aber so ein bisschen wie das sinnbildliche Pferd vor dem Uhrwerk war ich hinterher leider nicht viel schlauer als vorher.

Slow Motion

Nachdem also mein Hören-und-Lesen-Durchlauf beendet war, begann das eigentliche Üben. Hier konzentriere ich mich in der Regel zunächst ausschließlich auf die schwierigen Abschnitte, weil die die meiste Zeit brauchen. Wie ich vielleicht am Rande schon erwähnt habe, ist die besondere Schwierigkeit hier der Rhythmus 😉

Nachdem ich beim Hören vorher den Takt mitgeklatscht hatte, habe ich dann begonnen, mir die einzelnen schwierigen rhythmischen Figuren herauszupicken und gaaanz laaaangsaaam zu klopfen. Notfalls jede Hand einzeln, dann beide zusammen, dann das Ganze mit Metronom und dann, nach und nach, immer schneller. Erst wenn das richtig gut funktioniert nehme ich die Töne dazu, die in den entsprechenden Abschnitten gar nicht so sehr das Problem waren.

Metronom

Und wenn ich das Originaltempo erreicht habe, spiele ich die Figur dann zur Aufnahme dazu. Das ist mit Abstand eine meiner liebsten Übe-Methoden. Es macht einfach riesigen Spaß mit kompletter Band zu üben und schult ganz nebenbei noch Timing und Feeling. Die allermeisten meiner Schüler werden diesen Satz im Laufe ihres Unterrichts bei mir wohl schonmal gehört haben: „Üb das mal mit der Aufnahme.“ Es zählt in dieser Musik mit zum Besten, was man machen kann.

Speak Your Mind

Neben den rhythmisch anspruchsvollen Passagen beschäftigt mich diesmal besonders ein Abschnitt – ein ziemlich langes Klaviersolo. Hier verbringe ich viel Zeit, probiere musikalische Ideen aus, verwerfe sie wieder, übe Tonleitern, Rhythmen, Motive und lege mir so ein Repertoire an, aus dem ich dann zur Improvisation schöpfen kann.

Das funktioniert ein bisschen so, wie wenn man eine Sprache lernt, sagen wir (passend zum Thema) Portugiesisch. Natürlich überlegt man sich im Vorfeld nicht Wort für Wort wie man eine Unterhaltung auf Portugiesisch führen würde. Aber sofern man nicht nur mit Händen und Füßen kommunizieren will, sollte man sich mit der Sprache vertraut machen und Wörter und Phrasen lernen. Denn die kann man dann, wenn einem danach ist, einfach in die Unterhaltung einbauen und zu einem Ganzen kombinieren, das Sinn ergibt.

Neben den anspruchsvolleren Sachen, um die es hier oben ging gibt es aber auch ein paar Stücke, die ich vorher nicht groß üben brauche. Das liegt daran, weil ich hauptsächlich eine einfache Klavierbegleitung zu spielen habe oder das auch vom Blatt (= Notenblatt) funktioniert. Wenn dann alles sitzt werde ich noch ein paar Mal die schwierigeren Stücke zur Aufnahme dazu spielen und dann bin ich bestens gewappnet für die Konzerte.

Wenn Du in Erfurt bist, schau doch mal vorbei, wir spielen am 14. und 15. Oktober im Nerly, ich freu mich drauf!

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