Wie mich meine Großeltern zu dem Musiker gemacht haben, der ich heute bin

Ich habe das große Glück, in eine musikalische Familie geboren worden zu sein. Schon als Kinder haben wir mit meinen Eltern und Großeltern immer viel gesungen und Musik gemacht. Es wurde schon vielfach festgestellt und nachgewiesen, dass das Singen kleinen Kindern gut tut. Trotzdem habe ich in meiner Zeit als Klavierlehrer immer wieder festgestellt, dass offensichtlich immer weniger Eltern mit ihren Kindern singen. Wie war das bei Dir früher?

Nächste Woche erscheint meine neue Single „oma“ überall wo es Musik zu hören gibt. Das will ich heute mal zum Anlass nehmen, um ein bisschen zu erzählen, wie meine Großeltern meine musikalische Entwicklung geprägt haben. Wenn Du HIER klickst kannst Du Dir „oma“ jetzt schon runterladen und anhören!

Normalerweise heißen die Großeltern bei uns zu Hause Oma und Opa, Omi und Opi. Auch wenn für mich glasklar ist, wer gemeint ist, verstehe ich, wenn Du etwas verwirrt bist. Deswegen spreche ich über die vier mit ihren Vornamen, nämlich Renate, Siegfried, Margarete und Wolfgang.

Siegfried und Renate

Siegfried und Renate haben sich sogar über die Musik kennen gelernt – als Renate in dem Chor sang, den Siegfried leitete. Als Kantor war er zu seiner berufstätigen Zeit für alles zuständig, was mit Musik in der Gemeinde zu tun hatte – Chor, Posaunenchor, Seniorenkreis und Kurrende.

Philipps Großeltern

Die Kurrende ist einfach ein Kinderchor. In diesem sangen meine Brüder und ich schon von kleinauf. Neben dem Singen war mein persönliches Highlight dort immer das Vorlesen am Ende einer Probe. Ein besonders schönes Buch an das ich mich noch erinnere hieß „Peter im Land der Musikinstrumente“. Darin reist ebendieser Peter in ein Land, in dem die Orchesterinstrumente lebendig sind. Und als einmal ein Vertretungs-Chorleiter nichts vorlesen wollte, war ich so sauer, dass ich die anderen dazu angestachelt habe mit mir zu streiken. Denn so geht das ja mal gar nicht!

Außerdem organisierte Siegfried immer mal wieder größere Konzerte oder Singspiele (= Musicals) für uns. So durfte ich z.B. die (sehr verantwortungsvolle! 😉 ) Rolle des Kuckucks in der Kindersinfonie von Edmund Angerer übernehmen (früher wurde dieses Werk auch Haydn und Leopold Mozart zugeschrieben, aber das stimmt wohl doch nicht). Und wenn wir einmal nicht selbst Teil der Aufführung waren, fand ich es immer sehr eindrucksvoll ihm beim Dirigieren von Chor und Orchester zuzusehen.

Mein Bruder und ich bei der Kindersinfonie. Offensichtlich war ich etwas verloren und habe an dieser Stelle nur so getan als würde ich spielen. Damit habe ich mir postwendend einen vorwurfsvollen Blick von der Seite eingefangen 🙂

Von Siegfried lernte ich auch mein erstes Instrument. Kleines Quiz: Fast jeder hat es irgendwann schonmal gespielt und es ist bei Zuhörern nicht gerade beliebt – richtig, die Blockflöte! Spaß hat es trotzdem gemacht. Und seit ich im Studium mal live ein barockes (Block-)Flötenkonzert gehört habe, nehme ich dieses Instrument auch nochmal mit völlig anderen Augen und Ohren wahr.

Margarete

Margarete sollte als junges Mädchen selbst Pianistin werden. Sie hatte bei einer Pianistin in Dresden Unterricht, die ihr immer gesagt hat, sie soll doch bitte erst einen reichen alten Mann heiraten. Erst wenn der gestorben ist und sie dann das Geld geerbt hat, kann sie aus Liebe heiraten.

Diese Dame hatte ihren eigenen Ratschlag beherzigt und einen reichen Dresdner Milch- und Käsefabrikanten geheiratet. Es geht die Legende, dass sie irgendwo aufgeschnappt hatte, dass Milch gut für die Haut sein soll. Also schlich sie nachts regelmäßig im Bademantel aufs Fabrikgelände, um in der Milch zu baden, bis der Pförtner dem Spuk irgendwann ein Ende machte. (Fun Fact: der reiche Milchfabrikant wurde viel älter als seine Frau, die Pianistin, gehofft hatte. Karma is a bitch…)

Zum Glück hat meine Omi Margarete aber keinen reichen alten Mann geheiratet, sondern Wolfgang, meinen Opi. Ihre Karriere als Pianistin musste sie leider mit der Aufnahmeprüfung zur Hochschule an den Nagel hängen. Bei Strafe hatte man ihr verboten am Klavier frei zu spielen und genau das wurde in der Prüfung dann spontan gefordert.

Das hat ihrer Begeisterung für Musik, Kultur und Geschichte aber keinen Abbruch getan. Ich habe sie zwar leider bis heute nicht ein einziges Mal Klavier spielen hören, aber der Kultur blieb sie trotzdem mit ihrem Organisationstalent und ihrem Engagement erhalten. So gingen meine Brüder und ich als kleine Kinder mit ihr und Wolfgang in die verschiedensten kulturellen Einrichtungen, zu Konzerten, Ausstellungen, Schlössern u.v.m.

Wolfgang

Auch Wolfgang hatte als Kind gelernt Klavier zu spielen. Für ihn hatten die beiden sich auch das E-Piano gekauft, das im Wohnzimmer stand und dessen Lautstärke (damit die Nachbarn nicht schimpften) immer nur im gerade noch hörbaren Bereich eingestellt sein durfte. Es war wahrscheinlich das erste E-Piano, das ich in meinem Leben gesehen habe. Und natürlich hatten wir als Kinder besonders viel Freude an den Demo-Stücken (von Chopin bis „Oh when the Saints“ war alles dabei), an der Aufnahmefunktion und den verschiedenen Sounds, die man einstellen konnte.

Als ich dann begann, Klavierunterricht zu nehmen und meine Eltern nicht immer garantieren konnten, mich zum Unterricht zu bringen, erledigte das von da an mein Opi Wolfgang. Er wurde mein treuer Wegbegleiter. Frei nach seinem Motto „Wir müssen immer so zeitig mit der Bahn fahren, dass wir es theoretisch auch noch zu Fuß schaffen können.“, spazierten wir immer ausgiebig im Viertel um den Unterrichtsraum herum, bis dann endlich die Zeit gekommen war.

Mit meinem Klavierlehrer lieferte sich Wolfgang auch immer mal gern Debatten über Sinn und Unsinn modernerer Klänge (wie Jazz und Boogie Woogie) im Klavierunterricht, die er wohl zugunsten von Bach und Mozart lieber aus dem Unterricht hätte verschwinden sehen. Wenn er sich nicht gerade mit meinem Lehrer unterhielt, laß er in der Besucherecke die Klavierzeitschriften oder spielte mit mir zusammen vierhändige Stücke. Es war wirklich eine wunderschöne Idee meines Klavierlehrers, meinem Opi den zweiten Part dieser Stücke zu überlassen. Dafür bin ich ihm immer noch sehr dankbar. Denn so hatten wir die beste Opi-Enkel-Zeit, natürlich nur übertroffen von unserem traditionellen Rieseneisbecher am Schuljahresende.

Schön, dass Du bis hierhin gelesen hast! 🙂 Lade Dir doch jetzt gleich noch meine neue Single „oma“ runter und hör mal rein!

Philipp zum Klaviervorspiel vierhändig mit seinem Großvater
Mit Wolfgang beim Klaviervorspiel
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